Auf dem (Fahr-)Rad des Lebens

Kumax-Schülerin Tanja Seiler gewinnt bei Wettbewerb „KunstWort Kunst“ mit ihrem Text zu Baselitz’ „Fahrradfahrer“

Als Betrachter von Kunst fragt man sich oft: Was soll das? Was wollen uns zeitgenössische Künstler wie Warhol, Baselitz und Co damit sagen? Auf genau diese Fragen haben 48 literaturbegeisterte Schüler aus acht Gymnasien der Landkreise Traunstein und Altötting eine Antwort gefunden. Sie haben sich im Rahmen eines Wettbewerbs ein Kunstwerk im Traunreuter Museum „DasMaximum“ ausgesucht und sich davon inspirieren lassen. Herausgekommen sind dabei außergewöhnliche und kreative „Schreib“-Gedanken, bei denen sich die Autoren hinter einem Pseudonym verbergen.

Vier Textbeiträge wurden bei der Abschlussveranstaltung des Wettbewerbs KunstWortKunst am Sonntag in Traunreut mit gleichwertigen Preisen prämiert. Darunter auch Tanja Seiler vom Kurfürst-Maximilian-Gymnasium Burghausen, die Georg Baselitz’ Fahrradfahrer entdeckte.

Vor sieben Jahren wurde der Schulcluster Altötting-Traunstein gegründet in der Hoffnung, dass dieses Projekt sich gut entwickeln möge. Obwohl sich die TU München für die Gründung sehr stark gemacht hat, habe sie sich in der laufenden Zusammenarbeit immer rarer gemacht. Die Clusterbeauftragten der acht Schulen waren jedoch überzeugt, dass es sich lohne, diesen Verbund mit Leben zu füllen. Vier bis fünf Veranstaltungen pro Schuljahr wurden organisiert, die meisten davon im naturwissenschaftlichen Bereich, aber auch Veranstaltungen im künstlerisch-literarischen Bereich waren darunter. Zum 2. Mal wurde der Wettbewerb KunstWortKunst durchgeführt.

Der Text von Tanja Seiler:  Eigentlich sollte jemand, der leben kann, auf seinem Fahrrad sitzen, weil ihn jeder Millimeter, den er erlebt, satt macht. Ich sitze auf meinem Fahrrad, bin ein Unersättlicher zwischen Ziel und neuer Herausforderung, bin ein Ritter der Neuzeit auf seinem Stahlpferd, ein Siedler zwischen Realität und Traum. Manchmal bin ich ein Held, der sich selbst was vormacht. Ein Schauspieler, der seine Künste auf eigene Kosten zum Besten gibt. Manchmal bin ich ein Hamster im Rad, der wie ein Athlet rennt und rennt und dennoch nicht weiterkommt. Einer, der seine Ziele möglichst hoch und dann noch höher steckt, da nicht das „Was, Wie, oder Warum“, sondern nur das „Ob“ zählt.

Dann bin ich der, der heute Buchstaben lernt und vorgestern plante, einen Roman zu schreiben. Oft bin ich ein Schwächling, der schon längst vor der Zeit da draußen überholt wurde. Anstatt weiter zu treten, spielt meine Frustration den Geisterfahrer auf meiner eigenen Straße, die, wenn man so will, auch Leben genannt werden kann. Aber irgendwann, das weiß ich genau, werde ich derjenige sein, der auf seine Vergangenheit zurückblickt, als würde ich das Tagebuch eines Fremden lesen.

Dann werde ich der sein, der wie über einen Fremden den Kopf schüttelt. Der sein, der dieses vergangene Leben bemitleidet, diesen Erbärmlichen bemitleidet, sich selbst bemitleidet … „hätte er doch alles haben können“. Doch „hätte haben können“ ist jetzt Vergangenheit. Die Zukunft selbst eine Fantasie. Meine Zeit ist die Gegenwart, doch ist auch diese nur ein subjektives Mittel zur unnötigen Veranschaulichung. Wer lebt, der sitzt auf seinem Rad und fährt, weil ihn jeder Millimeter, den er erlebt, satt macht. Satt und dennoch begierig. Aber nicht nach Ehrgeiz, sondern begierig nach Erfahrung.

Er überschätzt sich nicht selbst und macht sich nicht vor wissen zu können, wo er nächstes Jahr stehen könnte. Wer lebt, spricht nicht im Konjunktiv, weil er hungrig ist nach Realität. Jemand, der hungrig ist nach Liebe, stört sich nicht an gesellschaftlichen Grenzen – auch nicht, wenn sie ihm aufgezwungen werden. Jemand, der flieht, weil er leben will, hinterfragt kein Gesetz – der Wunsch nach Furchtlosigkeit ist größer als die Vernunft. Er ist gar eine Vernunft für sich.

Wenn mich jemand auf den Kopf stellt, um hundertachtzig Grad dreht, dann bin ich immer noch derselbe Radfahrer. Derselbe Ritter auf seinem Stahlpferd, der dieselben Geschichten erzählt mit denselben Farben, im selben Rahmen – wie man mich einst gemalt hat. Immer noch der, der lebt und auf seinem Fahrrad sitzt, weil er sich erhofft, dass ihn jeder Millimeter, den er fährt, satt macht.

(Burghauser Anzeiger, 25.02.2016)