Ohne Brot – Eine etwas andere Schulstunde

Ohne Brot. Rund 815 Millionen Menschen hungern jeden Tag weltweit. Wir hingegen schmieren jeden Morgen fleißig unsere Pausenbrote und genießen einen reich gedeckten Tisch. Als Frau Mayringer uns zu einem „Frühstück in der Schule“ einlud, freuten wir uns sehr auf eine leckere Mahlzeit. Nicht wie vermutet, erwartete uns der Gang zum Bäcker, sondern zu einem der Klassenräume. Alle Schülerinnen und Schüler  mussten ein Los ziehen, auf dem sie einer Personengruppe zugeteilt wurde. Zwei Schülerinnen,  hatten das große Los gezogen. Sie vertraten die Gruppe der „Europäer“ und durften als erstes zum Frühstücksbüffet. Ob Kuchen, Brötchen, Käse, Schinken, Speck oder Schokolade. Der Tisch war gedeckt und es durfte fleißig in einer separaten Ecke  gespeist werden.

Auch die anderen Schüler durften nun den Raum betreten. Doch sie wurden nicht vom Brötchenduft verwöhnt, sondern lediglich mit einer kargen Scheibe Brot und ein wenig Wasser empfangen. Da die Schüler die Gruppe der „Europäer“ noch nicht sehen konnte, waren die meisten zunächst verwundert, wohin dieses „Essen“  führen sollte.

Schlagartig änderte sich die Situation, als ihnen freie Sicht auf die „Europäer“, welche glücklich und zufrieden ihr Frühstück verspeisten, gewährt wurde. Bei den Ersten keimte der Gedanke auf, dass es wohl nichts werden würde, mit dem Essen für sie. Natürlich empfanden es die meisten ungerecht, weshalb ausgerechnet zwei von ihnen essen sollten, was sie wollten, während alle anderen dabei zuschauen mussten. Auch auf Seite der „Europäer“  kam ein beklemmendes Gefühl auf. Die Schülerinnen fühlten sich „zur Schau gestellt“ und „angeklagt“. Noch weiter spitzte sich das Experiment zu, als sich die beiden Schülerinnen, stellvertretend für die Europäer inmitten der „Mittellosen“ mit ihrem Essen setzen mussten. Während sie nämlich ein Glas Orangensaft tranken und Bananen aßen, berichtete ihnen die „Arbeitergruppe“ über die menschenverachtenden Zustände auf den Anbauplantagen. Wo zuvor noch schadenfroh gelacht wurde, wurden die Gesichter der Ethikschülerinnen- und Schüler immer ernster. Jetzt, direkt im Kreise der Menschen, die wenig oder nichts hatten, konnte niemand die deutlichen Unterschiede zwischen Arm und Reich ignorieren.

Mit dem Experiment sollte uns die Gedankenlosigkeit unseres alltäglichen Konsumverhaltens vor Augen geführt werden. Denn unser Handeln und unser Konsum beeinflusst täglich das Leben anderer Menschen. Es muss mehr Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass unser morgendlicher Kaffee, die Banane und der Orangensaft auf Kosten anderer Menschen in allen Teilen der Welt geht. Die Problematik ist für uns in weiter Ferne. Wir schaffen es leicht, den Gedanken, dass wir alle die Verantwortung für unser Handeln tragen, von uns zu schieben. Vor der Konsequenz, was dies für andere bedeutet, können wir als „Europäer“ an unserem reich gedeckten Frühstückstisch leicht die Augen schließen. Doch während wir hier für die Dauer einer Schulstunde „hungerten“, gehört es für 815 Millionen Menschen zum täglichen Alltag.

Selina Gschoßmann